Fallbeispiel Burnout

Herr G. ist 53 Jahre alt und wird durch seinen Hausarzt mit den Diagnosen einer "psychophysischen Erschöpfung bei Arbeitsplatzproblematik, arterieller Hypertonie und Tinnitus" zugewiesen.

Herr G. hat seinen Hausarzt in den letzten beiden Jahren immer öfter wegen unterschiedlichen Beschwerden konsultiert, u.a. wegen Ohrgeräuschen, plötzlichem Schwindel, gastrointestinalen Beschwerden, ohne dass ein eigentlicher Grund für die wechselhaften Beschwerden gefunden werden konnte.

Herr G. arbeitet von jeher gern und viel, so dass er mittlerweile eine verantwortungsvolle Position erreicht hat. Seit zwei Jahren allerdings geht ihm die Arbeit nicht mehr so leicht von der Hand. Er fühlt sich oft müde und leer, muss sich entsprechend mehr zwingen, erlebt sich unkonzentriert, verlangsamt und leistungsvermindert. Zudem ist seine betagte Mutter erkrankt, die viel Aufmerksamkeit braucht, nachdem sie ins Pflegeheim gekommen ist. Auch eines seiner Kinder macht ihm Sorgen, da es noch keine Lehrstelle gefunden hat. Seine Frau wirft ihm vor, kaum noch was mit ihr zu unternehmen, immer weniger zu sprechen.

Herr G. hat das Gefühl, all diesen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Er denkt viel über sich nach, erlebt sich als schwach und schämt sich, zieht sich deshalb immer mehr von der Familie, aber auch von seinen Freunden zurück und möchte zweitweise alles hinschmeissen. Da er zunehmend Mühe hat ein- und durchzuschlafen, trinkt er abends regelmässig Alkohol. Tagsüber ist er müde, teilweise gereizt, fährt schneller Auto als sonst und gerät mit anderen viel leichter in Streit als früher.

Sein Hausarzt, der Herr G. seit vielen Jahren kennt, ermuntert ihn, das Gespräch mit einem Psychiater/Psychotherapeuten zu suchen. Dieser diagnostiziert ein Burnout-Syndrom und beginnt mit der Behandlung. Da sich Herr G. wegen seinem grossen Pflichtgefühl nicht ausreichend von der Arbeit abgrenzen kann und er weitere Stress-Symptome ausbildet, wird er arbeitsunfähig geschrieben und zur stationären Behandlung angemeldet.

Das Warten auf den Eintritt fällt Herr G. besonders schwer. Er, der gewohnt ist, immer etwas zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Sein Psychiater bespricht mit ihm einen Wochenplan, an den er sich halten muss und der Sport, Bewegung in der Natur und soziale Kontakte beinhaltet. Das ambulant begonnene Yoga hält er nicht aus und bricht es wieder ab.

In der stationären Behandlung lernt er vieles, auch über sich. Er hat sich über die Jahre einen Lebensstil angewöhnt, der von seinen Grundbedürfnissen weggeführt hat: Er hatte für sich selbst keine freie Minute mehr, war immer beschäftigt, alles war verplant und er kam nicht mehr zur Ruhe. Irgendwann kam schleichend die Erschöpfung und dieses Gefühl, nicht mehr er selbst zu sein.

In der Psychotherapie konnte er zusammen mit dem Psychotherapeuten seine Arbeitssituation, aber auch seine persönlichen Eigenschaften analysieren. Er ist sich dessen bewusst geworden, dass er überverantwortlich ist und deswegen auch mal Verantwortung ablehnen darf, ja soll. Er will auch mehr Zeit für sich haben und bespricht mit seinem Arbeitgeber und seiner Frau eine Reduktion des Arbeitspensums. Die Bewegungstherapie in der Klinik tat ihm gut, dabei konnte er abschalten und sich zugleich neue Kraft holen. Die Entspannungsverfahren fielen ihm am schwierigsten, da er immer, wenn er entspannen sollte, merkte, wie angespannt und unruhig er war. Schliesslich kann er sich mit der progressiven Muskelrelaxation (PMR) am besten anfreunden und nimmt sich vor, zuhause mit der Hör-CD zu üben.

Nach Ende der psychosomatischen Behandlung beginnt er zeitnah mit der Arbeit, allerdings die ersten drei Monate nur zu 50%. Die übrige Zeit benötigt er für die Fortsetzung der Psychotherapie, für den Sport, das Einüben von PMR und das Lernen von Müssiggang.