Fallbeispiel "chronischer Schmerz"

Andrea S. ist 49 Jahre alt und wird vom Hausarzt zur psychosomatischen Rehabilitation zugewiesen mit den Diagnosen "Chronische Rückenschmerzen" und "mittelgradige Depression".

Andrea S. ist verheiratet, hat zwei Kinder (18 und 20 Jahre), ist gelernte Pflegefachfrau, zuletzt bis vor einem halben Jahr berufstätig in einem Pflegeheim, seit sechs Monaten arbeitsunfähig.

Angefangen hatte alles vor sechs Jahren. Zum damaligen Zeitpunkt habe es zu Hause eine finanziell schwierige Situation gegeben. Frau S. hatte viele Sonderschichten und Wochenenden gearbeitet. Der Job sei nun mal körperlich sehr anstrengend, man müsse viel Heben oder auch Stehen. Damals habe es schon angefangen mit Schmerzen im unteren Rücken, dass sie froh war, wenn sie abends sitzen oder auf der Coach liegen konnte. Einmal habe es einen richtigen Zwick gegeben im unteren Rücken, danach habe sie sich einige Tage vor Schmerzen kaum bewegen können. Vom Hausarzt habe sie damals Schmerzmittel für einige Tage bekommen, danach sei es wieder besser gegangen. Seitdem habe sie aber immer häufiger Rückenschmerzen gehabt. Sie habe die Arbeit kaum mehr bewältigt, war froh gewesen, an den freien Tagen den Rücken entlasten zu können, habe sich in der Freizeit kaum mehr bewegen können, habe grade noch so den Job und den Haushalt bewerkstelligt.

Vor zwei Jahren sei es ihr wieder blitzartig "in den Rücken gefahren", diesmal so stark wie vorher noch nie. Sie habe einen stechenden Schmerz im Rücken gehabt und einen ziehenden Schmerz im rechten Bein über das Gesäss, Oberschenkel, Knie bis zum Knöchel hinunter. Der Hausarzt habe ihr damals wieder Schmerzmittel und Physiotherapie verschrieben. Es sei daraufhin nicht besser geworden. Schliesslich erfolgte die Überweisung zum Orthopäden. Dort sei in einer Röntgenuntersuchung und einem anschliessenden MRI ein Bandscheibenvorfall L4/L5 festgestellt worden, sowie Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule. Da sich die Beschwerden eher verschlechterten als verbesserten, sei sie schliesslich im Kantonsspital operiert worden. Der Bandscheibenvorfall sei behoben worden.

Nach der Operation sei es dann besser gewesen, zumindest sei der Schmerz in den Beinen weg gewesen, Rückenschmerzen habe sie aber weiterhin gehabt. Sie habe nach einigen Wochen die Arbeit wieder aufnehmen können. Dies sei nur drei Monate gut gegangen, dann hätten die Schmerzen im Rücken wieder zugenommen. Zunächst sei sie 50% krank geschrieben gewesen. Auch das sei wieder drei Monate gegangen, aber der Rückenschmerz hätte sich weiter verstärkt.

Eine erneute Vorstellung beim Orthopäden und neue Untersuchungen hätten ergeben, dass es keinen weiteren Bandscheibenvorfall gebe, höchstens eine Bandscheiben-Vorwölbung, etwas höher als der ursprüngliche Bandscheibenvorfall, ansonsten altersentsprechende Abnutzungserscheinungen. Ihr sei Physiotherapie verschrieben worden. Ein weiterer Behandlungsbedarf liege nicht vor, so hätten die Ärzte gesagt. Die Schmerzen seien aber immer schlimmer geworden. Sie sei immer öfters am Arbeitsplatz wochenweise ausgefallen, selbst die 50% konnte sie nicht mehr bewältigen.

Wegen der Schmerzen habe sie nachts nicht schlafen können. Tagsüber sei sie zunehmend erschöpft gewesen, habe keine Lust mehr gehabt für Aktivitäten, habe sich aus dem Freundeskreis zurückgezogen, sich mit den Schmerzen allein gelassen gefühlt. Mehrere Besuche beim Arzt hätten auch nichts gebracht. Auch hier habe sie das Gefühl gehabt, nicht ernst genommen zu werden. Schmerzmittel habe sie viele ausprobiert, einige hätten etwas geholfen, viele gar nicht. Schliesslich habe der Hausarzt ihr noch ein Antidepressivum empfohlen. Damit schlafe sie zwar etwas besser, aber wesentlich gebracht habe es sonst nichts. Mittlerweile arbeite sie seit seit Monaten gar nicht mehr, könne sich im Moment auch gar nicht vorstellen, wie es weitergehen soll. Sie habe den ganzen Tag Schmerzen, an manchen Tagen etwas weniger, an manchen Tagen könne sie sich gar nicht bewegen. Sie sehe keine Perspektive mehr, mache sich Sorgen, wie alles weitergehen solle. Das sei keine Lebensqualität mehr, den Haushalt könne sie auch nur noch unter Schmerzen machen, Freizeitaktivitäten gar nicht mehr. Nach 300 Metern zu Fuss müsse sie absitzen, so stark seien die Schmerzen an manchen Tagen.

Der Eintritt in eine stationäre psychosomatische Behandlung fällt Frau S. sehr schwer, da sie nicht verstehe, warum sie in eine psychosomatische Klinik geschickt worden sei, wo sie doch Rückenschmerzen habe. Die Bewegungstherapie, die sie hier machen solle, sei z. T. sehr streng für sie, weil sie sich ja eben nicht bewegen könne vor lauter Schmerzen, Entspannungsverfahren seien ebenfalls schwierig. Das alles finde im Sitzen oder im Liegen statt und das sei genau das, was ihr die Schmerzen bereite.

Im Lauf der Behandlung jedoch gelingt es der Patientin mehr und mehr, die einzelnen Behandlungen für sich zu nutzen. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Schmerzen hatten sich viele Fehl- und Schonhaltungen ergeben und Muskelverspannungen, die wiederum neue Schmerzen produzierten. Durch die sich langsam steigernde, aber konsequente Bewegungstherapie und die angewandte Physiotherapie gelang es zumindest, diese Schmerzen leicht zu reduzieren, aber vor allem auch die Beweglichkeit und die körperliche Belastbarkeit wieder zu verbessern.

In den Entspannungsverfahren gelang es der Patientin schlussendlich doch, sich über Atemtechniken ein Stück weit zu entspannen. Auch dies führte zu einer leichten Reduktion des Schmerzes und vor allem zu einer deutlichen Verbesserung der körperlichen Befindlichkeit.

In der Psychotherapie erfuhr die Patientin viel über die Depression, die sich unter den Schmerzen und der Belastungssituation entwickelt hatte. Sie lernte Strategien und Techniken, mit depressiven Gedankenkreisen umzugehen, lernte viel über Selbstfürsorge und Abgrenzungsfähigkeit. Die Patientin profitierte vor allem von der Gruppentherapie "Bewältigung chronischer Schmerzen". Dort erfuhr sie von einem Arzt und einer Psychologin in einer kleinen Gruppe von Patienten, die ähnlich wie sie unter jahrelangen Schmerzen gelitten hatten, viel über die Entstehung von Schmerz, über die Verarbeitung von Schmerz, über den richtigen Einsatz von Schmerzmitteln. Weiterhin erfuhr sie von Strategien zur Aufmerksamkeitslenkung, von der Bedeutung bewertender, schmerzverstärkender Gedanken und deren Alternativen, sowie von verhaltenstherapeutischer Strategien zur Bewältigung des Schmerzerlebens.

Am Ende der stationären Behandlung berichtete Frau S. von einer deutlichen Reduktion der depressiven Symptomatik, der Möglichkeit einer besseren Bewältigung der Schmerzsymptomatik. Die Schmerzen seien auch weiterhin vorhanden, aber es helfe ihr, Strategien dafür gelernt zu haben, damit besser umzugehen und auch den Alltag besser bewältigen zu können. Auch könne sie sich trotz der Schmerzen wieder mehr bewegen. Hierdurch habe sich auch die Lebensqualität deutlich gebessert.